Die deutsche Industrie sitzt auf einem beachtlichen, weitgehend ungenutzten Systempotenzial. Unsere Studie zur Flexibilisierung der industriellen Stromnachfrage hat ein Flexibilitätspotenzial von 5 bis 7 GW beziffert – das entspricht 10 bis 15% der Spitzenlast. Rund 57% davon ließen sich theoretisch innerhalb der nächsten drei Jahre realisieren. Besonders hohe Potenziale finden sich in Gewerbe, Handel und Dienstleistungen, in der Lebensmittelproduktion sowie im Automobil- und Maschinenbau. Klassische Prozessindustrien wie Stahl, Chemie oder Papier weisen ebenfalls relevantes, strukturell jedoch begrenzteres Potenzial auf.
Diesem Potenzial steht eine deutliche Umsetzungslücke gegenüber: Nur ein Drittel der Unternehmen prüft heute aktiv, günstige oder negative Strompreise durch gezielte Lastverschiebung zu nutzen. Für einen tragfähigen Business Case erwarten Unternehmen typischerweise eine Verbesserung von 2 bis 3 Cent pro kWh – als zentrale Hürden nennen sie operative Komplexität, regulatorische Unsicherheit und fehlendes Know-how. Bemerkenswert ist: Die Zurückhaltung hält selbst vor dem Hintergrund hoher und volatiler Energiepreise an. Das deutet darauf hin, dass strukturelle Hindernisse die kurzfristigen ökonomischen Anreize in vielen Fällen überlagern.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wenn das Potenzial real, relevant und kurzfristig realisierbar ist, warum bleibt die Umsetzung bislang weitgehend aus? Um die Lücke zwischen identifiziertem Potenzial und tatsächlicher Umsetzung zu verstehen, haben wir in diesem Folgeartikel Branchen mit überdurchschnittlichem Flexibilitätspotenzial vertieft analysiert und über 20 Detailinterviews mit Industrieunternehmen geführt – unter anderem mit Energieeinkäufern, Energiemanagern, Standortleitern und Vertretern der Vorstandsebene. Ziel war es, die quantitative Perspektive der Umfrage um eine qualitative Sicht zu ergänzen: Wie wird Flexibilität tatsächlich genutzt, was steht ihrer Skalierung im Weg und was ist konkret zu tun?
Die Expertengespräche zeichnen ein klares Bild: Die Umsetzungslücke hat keine einzelne Ursache, sondern entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer struktureller Faktoren.
- Begrenzte Realisierbarkeit. Ein Großteil des Potenzials in der industriellen Realität ist aufgrund von Prozesskontinuität, Steuerbarkeit und Qualitätsanforderungen nur eingeschränkt umsetzbar.
- Hohe Umsetzungsbarrieren. Zuständigkeiten für Energie, Produktion und Beschaffung sind selten verzahnt, die operative Risikosensibilität gegenüber Eingriffen in laufende Prozesse ist groß und regulatorische Unsicherheit, etwa bei Netzentgelten, bremst zusätzlich.
- Unklarer wirtschaftlicher Nutzen. Der wirtschaftliche Nutzen bleibt häufig vage und wenig attraktiv, da Erlöse stark von volatilen Marktpreisen abhängen und sich nur bedingt prognostizieren lassen.
Die Wirtschaftlichkeit lässt sich in einer „Flex Value Curve“ verdichten. Sie macht sichtbar, dass das jährliche Ertragspotenzial entscheidend von den Grenzkosten der Lastverschiebung abhängt. Ein Unternehmen mit Grenzkosten von 100 EUR pro MWh kann einen jährlichen Bruttogewinn von rund 7.000 EUR pro MW erwarten. Halbiert es diese Kosten auf 50 EUR pro MWh, steigt der Bruttogewinn auf etwa 25.000 EUR, also auf mehr als das Dreifache. Der Business Case entsteht folglich dort, wo niedrige Grenzkosten genügend rentable Aktivierungsstunden ermöglichen, um die notwendigen Anfangsinvestitionen über die Lebensdauer zu amortisieren.
Trotz dieser Hürden gibt es bereits funktionierende Anwendungsfälle. Sie folgen einer impliziten Logik von drei Horizonten, gestaffelt nach Umsetzbarkeit, Risikoprofil und Eingriffstiefe. Am weitesten entwickelt ist die erzeugungsseitige Flexibilität (Horizont 1), die auf vorhandenen Assets aufsetzt und Kernprozesse kaum berührt. Speicherlösungen (Horizont 2) rücken zunehmend in den Fokus, bleiben aber selektiv.