Quantencomputing entwickelt sich von einem Zukunftsthema zu einem echten Markt. Das zeigt der fünfte Quantum Technology Monitor von McKinsey & Company, der Entwicklungen in Quantencomputing, Quantenkommunikation und Quantensensorik bereits seit 2021 analysiert. Die deutlichsten Kommerzialisierungssignale kommen derzeit aus dem Quantencomputing: Weltweit arbeiten inzwischen mehr als 300 Unternehmen mit Quantentechnologien, erste Anwendungen werden zunehmend in operative Prozesse eingebettet, und Umsatz wie Investitionen ziehen spürbar an.
12,6 Milliarden Dollar frisches Kapital und erstmals mehr als 1 Milliarde Dollar Umsatz
Allein 2025 flossen 12,6 Milliarden US-Dollar in Quantum-Technology-Start-ups und damit über sechsmal so viel wie im Vorjahr. Mehr als 90% dieses Kapitals gingen in Quantencomputing. Gleichzeitig erzielten Quantencomputing-Unternehmen weltweit erstmals mehr als 1 Milliarde US-Dollar Umsatz; bis 2028 könnte dieser Wert auf bis zu 4,4 Milliarden US-Dollar steigen. Der Markt bewegt sich damit sichtbar aus der Forschungs- und Pilotphase hin zu ersten skalierbaren Anwendungen.
„2026 ist das Jahr, in dem Quantencomputing vom Technologieversprechen zur strategischen Managementfrage wird“, sagt Henning Soller, Partner im Frankfurter Büro von McKinsey. „Entscheidend ist nicht mehr nur die technische Machbarkeit, sondern die Frage, welche Unternehmen jetzt die Fähigkeiten, Partnerschaften und Anwendungsfelder aufbauen, um daraus echte Wettbewerbsvorteile zu ziehen.“
Weniger Pioniermarkt, mehr Konzentration: Kapital konzentriert sich auf wenige größere Anbieter
Auffällig ist dabei nicht nur das Wachstum, sondern auch die veränderte Marktlogik. Rund 60% des Investitionsvolumens in Quantum-Technology-Start-ups im Jahr 2025 entfielen auf die zehn größten Deals. Zugleich verschiebt sich die Finanzierung deutlich vom öffentlichen in den privaten Bereich: Nachdem 2024 noch rund ein Drittel der QT-Investitionen aus öffentlichen Quellen kam, lag dieser Anteil 2025 nur noch bei 3%. Parallel beschleunigt sich die Konsolidierung einerseits durch Übernahmen und Beteiligungskäufe, andererseits durch größere börsennahe Finanzierungen.
Für Start-ups bedeutet das: Der Wettbewerb verschärft sich, Eintrittskosten steigen, und strategische Faktoren wie geistiges Eigentum, Zugang zu Talent und industrielle Skalierungsfähigkeit gewinnen an Gewicht. Besonders ausgeprägt zeigt sich diese Entwicklung derzeit im Quantencomputing.
Unternehmen investieren nicht mehr nur in Forschung, sondern in Einsatzfähigkeit
Der neue Monitor zeigt auch, dass Unternehmen nicht mehr nur technologische Optionen sondieren, sondern gezielt Fähigkeiten für die praktische Nutzung aufbauen. Ein Drittel der analysierten Unternehmen investierte 2025 mehr als 10 Millionen US-Dollar in Quantencomputing-Initiativen; 7% lagen sogar über 50 Millionen US-Dollar. Die Budgets fließen vor allem in Anwendungsentwicklung, Integration in bestehende Technologie-Stacks und internen Kompetenzaufbau. Soller: „Das spricht für einen Markt, in dem sich der Fokus von Exploration auf Umsetzung verschiebt.“
Pharma, Chemie, Logistik und Finanzdienstleistungen: Hier entstehen die ersten konkreten Anwendungsfelder
Besonders konkret wird Quantencomputing dort, wo sich wirtschaftliche Hebel klar abzeichnen. Im neuen Monitor zeigen sich drei Felder besonders deutlich: In Chemie und Life Sciences liegt der Fokus auf Simulationen auf Molekül- und Materialebene. In Transport, Logistik und Teilen industrieller Wertschöpfung treiben Optimierungsprobleme die Nachfrage. In Finanzdienstleistungen rücken Risiko-, Portfolio- und Sicherheitsanwendungen in den Vordergrund.
Quantencomputing entwickelt sich damit weniger als universelle Wette auf eine ferne Zukunft, sondern zunehmend als gezielter Hebel für klar umrissene, wirtschaftlich relevante Problemstellungen.
Der realistischste Weg in den Markt führt über hybride Architekturen
Gleichzeitig verändert sich die technologische Debatte. Lange stand im Vordergrund, ob Quantencomputer außerhalb kontrollierter Experimente überhaupt relevante Leistung erbringen können. Nun verschiebt sich der Fokus auf die nächste Frage: Wie lassen sich diese Systeme skalieren, integrieren und verlässlich in reale Umgebungen einbinden? Genau hier sehen die Autor:innen den derzeit glaubwürdigsten Weg in den Markt: über hybride Modelle, in denen klassische High-Performance-Computing-Systeme, KI und Quantencomputing zusammenarbeiten.
Quantencomputing wird dabei nicht als Ersatz klassischer Infrastruktur verstanden, sondern als Beschleuniger für besonders komplexe Teilprobleme. Cloud-basierte Zugangsmodelle und Quantum-as-a-Service gewinnen in dieser Phase zusätzlich an Bedeutung, weil Unternehmen Anwendungen testen und weiterentwickeln können, ohne eigene Hardware betreiben zu müssen.
„Für Unternehmen beginnt die eigentliche Arbeit jetzt“, sagt Martina Gschwendtner, Beraterin im Münchner Büro von McKinsey. „Wer Quantencomputing wirklich nutzen will, muss früh Schnittstellen zur bestehenden IT, passende Anwendungsfälle und die nötigen Fähigkeiten aufbauen. Nur dann werden aus ersten Tests später skalierbare Anwendungen.“
Europa bei der Anwendung vorn, die USA stark bei Finanzierung und Marktführerschaft
Auch aus Markt- und Standortsicht wird der Wettbewerb schärfer. Europa liegt bei der aktuellen Unternehmensadoption vorn. Die USA sind dagegen bei Start-up-Finanzierung, großen Deals und der Marktführerschaft vieler Quantum-Unternehmen besonders stark. Gleichzeitig zeigen Patent- und Publikationsdaten, dass der globale Wettbewerb um geistiges Eigentum, Standards und Ökosysteme weiter zunimmt.
Über den Report
Der McKinsey Quantum Technology Monitor 2026 analysiert Entwicklungen in Quantencomputing (QC), Quantenkommunikation (QComm) und Quantensensorik (QS). Grundlage sind Marktdaten, Experteninterviews und McKinsey-Analysen; der Datenstand reicht bis einschließlich Dezember 2025.