Zukunft der Mobilität
in der Schweiz

April 2021 | Artikel

Von Henrik Becker, Thibaut Müller, Florian Nägele und Marco Ziegler

Die Schweiz ist aufgeschlossen gegenüber Mobilitätstrends; Vorbehalte gegenüber Regulierungsmassnahmen sind grösser als gegenüber neuen Technologien


Im internationalen Vergleich wird der Schweiz in der Mobilität – vor allem im öffentlichen Verkehr (ÖV) – eine Vorreiterrolle zugeschrieben. Trotz dieser Ausgangsbasis gibt es grosse Herausforderungen, insbesondere durch das starke Wachstum der Verkehrsnachfrage beim Personen- und Güterverkehr. Da sich diese Nachfrage nicht allein mit dem weiteren Ausbau der Infrastruktur bedienen lässt, werden als Alternative Ansätze zur Steuerung der Verkehrsnachfrage wie z.B. das Mobility Pricing diskutiert. Gleichzeitig eröffnen Angebote und Technologien wie Mikromobilität oder Elektromobilität neue Chancen, die Mobilität effizienter zu gestalten.

Um die Chancen und möglichen Auswirkungen der relevanten Mobilitätstrends besser zu verstehen, hat McKinsey & Company im Rahmen einer Studie die Einschätzung von Privatpersonen und Unternehmen zur Mobilität der Zukunft untersucht. Hierzu wurde im Herbst 2020 die etablierte ACES-Befragung zum ersten Mal in der Schweiz durchgeführt und um spezifische Fragen für die Schweiz erweitert. Ergänzend kam eine strukturierte Befragung von 40 Unternehmen aus verschiedenen Branchen und Regionen der Schweiz hinzu.

Wichtigste Erkenntnisse


1. Es gibt in der Mobilität nicht die eine Schweiz, sondern drei.
Innerhalb der Schweiz gibt es grosse Unterschiede in Bezug auf die Mobilitätsnutzung und relevanten Herausforderungen: Hohe Dichte und teure Flächen sorgen einerseits für besonders viel Stau und Parkdruck in grösseren Städten, eröffnen gleichzeitig aber eine Chance für alternative Verkehrsangebote, wie einen dicht ausgebauten ÖV oder Shared-Mobility-Angebote. In ländlichen Gemeinden hingegen, in denen 34% der Schweizer zu Hause sind, bleibt das Auto dominierendes Verkehrsmittel, nicht zuletzt mangels Alternativen.



2. Die ÖV-Akzeptanz ist in der Schweiz sehr hoch – für 59% der Schweizer das beliebteste Verkehrsmittel zum Pendeln. Dennoch reicht das erstklassige ÖV-Angebot nicht aus, um die Mehrzahl der Fahrten zu bedienen – 65% der Personenkilometer werden weiterhin mit dem Auto zurückgelegt.

3. Stau- und Parkplatzverfügbarkeit sind die aktuell grössten Herausforderungen im Schweizer Verkehrssystem. Andere Probleme, z.B. mangelnde ÖV-Erreichbarkeit oder Verkehrsabgaben, sind nur für spezifische Regionen oder Branchen relevant.

4. Schweizer sind aufgeschlossen gegenüber Elektrofahrzeugen. 32% der Schweizer denken darüber nach, ein reines Elektroauto anzuschaffen, und Unternehmen sind sogar bereit, höhere Kosten in Kauf zu nehmen, um ihre Flotten zu elektrifizieren. Gleichzeitig wünschen sich 71% der Bevölkerung ein Einfahrtsverbot für Diesellastwagen in Städte.

5. In den grossen Agglomerationen befürworten 53% der Bevölkerung eine Citymaut. 57% der Bewohner vom Land und auch eine Mehrheit der befragten Unternehmen sind gegen solche Massnahmen, insbesondere da ihnen oftmals attraktive Alternativen zum privaten Strassenverkehr fehlen.

6. 56% der befragten Unternehmen erwarten eine Verschlechterung ihrer Profitabilität durch Mobility Pricing. Viele Unternehmen sind skeptisch, weil sie zwar mit höheren Kosten für die Strassennutzung rechnen, aber die konkreten Vorteile, wie z.B. Zeitgewinne, kaum einschätzen können.

7. Branchen sind auf sehr unterschiedliche Weise von Mobilität abhängig. Nur bestimmte Branchen sind direkt auf Mobilität angewiesen, z.B. die Logistikbranche, der Detailhandel, das Handwerk oder die Gastronomie. Zusammen beschäftigen diese Branchen knapp über 30% der Erwerbstätigen.

8. Regulatorische Unsicherheit hat direkte Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft, insbesondere bei kleineren Unternehmen. Unternehmen sehen weitere regulatorische Eingriffe in das Verkehrssystem deutlich kritischer als Privatpersonen. Doch nicht nur die konkreten Eingriffe selbst belasten die Unternehmen – bereits die Unsicherheit über die Stossrichtung der mittelfristigen Mobilitätspolitik (hinsichtlich Parkplatzbeschränkungen, CO2-Steuern etc.) sorgt dafür, dass einzelne der befragten Unternehmen Investitionen aufschieben.

9. COVID-19 verschafft dem Verkehrssystem kurzfristig etwas Freiraum, mit 20% weniger Staustunden in Zürich im Jahr 2020. Da die befragten Unternehmen davon ausgehen, auch zukünftig vermehrt auf Homeoffice setzen zu wollen, könnte ein Teil der Entlastung anhalten. Für eine nachhaltige Lösung der Verkehrsprobleme wird dies jedoch kaum ausreichen.

Unternehmen im Vergleich zu Einzelpersonen mit weniger einheitlicher Meinung


Unternehmen haben im Vergleich zu Einzelpersonen eine weniger einheitliche Meinung in Hinblick auf Herausforderungen in der Mobilität, die sich wiederum nach Branche unterscheiden. Während neue Technologien und Angebote grundsätzlich eher positiv bewertet werden, sehen Unternehmen Regulierungsmassnahmen eher kritisch – vor allem in solchen Fällen, bei denen die konkreten Vorteile für die Unternehmen (wie z.B. Zeitersparnis) nur schwer abzusehen sind.





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