Klimastandort Schweiz

Schweizer Unternehmen als globale Treiber für Netto-Null 
Juli 2022, von Felix Wenger, Marco Ziegler, Annika Wulkop und Alexander Keberle

Abstract


Die Welt ist nicht auf Kurs, Netto-Null bis 2050 zu erreichen. Die Schweiz ist hier keine Ausnahme. Obwohl die Schweiz mit ihrer fortschrittlichen Wirtschaft im Inland <0.1% der globalen Emissionen verursacht, spielt sie als internationales Wirtschafts- und Finanzzentrum eine bedeutende Rolle in der Dekarbonisierung. Wir schätzen, dass die Schweiz durch hier ansässige internationale Unternehmen mittels direkt kontrollierte und importbedingte Emissionen einen Einfluss auf das 7- bis 10-fache der Inlandemissionen hat, bzw. noch deutlich mehr, wenn man den gesamten Einflussbereich inklusive Wertschöpfungsketten berücksichtigt. Für Emissionen im Zusammenhang mit Finanzflüssen aus der Schweiz kommt nochmal ein 14- bis 18-Faches dazu beziehungsweise noch mehr, wenn man weitere Aktivitäten wie zum Beispiel Investitionen in Staatsanleihen mitberücksichtigt. Es gilt daher, die Schweizer Wirtschaft bestmöglich zu unterstützen, ihr Dekarbonisierungspotential auszuschöpfen.

Wir hatten mit über 180 Unternehmen und Branchenverbänden Kontakt, um Opportunitäten zu identifizieren, wie die Schweizer Wirtschaft besser in der Dekarbonisierung unterstützt werden kann. Es haben sich drei Haupterkenntnisse ergeben:
  • Die Schweizer Wirtschaft sieht Dekarbonisierung als Priorität und macht vorwärts. Dekarbonisierung ist ein zentraler Erfolgsfaktor für einen innovativen, zukunftsgerichteten Wirtschaftsstandort Schweiz. Die Unternehmen erkennen diese Wichtigkeit und bewerten die Dekarbonisierung im Schnitt mit 4/5 als hochrelevant für ihren Geschäftserfolg und werden im grossen Stil aktiv: Beispielsweise haben sich Unternehmen in der Schweiz mit über 360 Mt. CO2e Emissionen (das 6-Fache der Inlandsemissionen der Schweiz) im Rahmen der «Science Based Targets initiative» Netto-Null Ziele gesetzt, 4.150 Unternehmen sind Reduktionsvereinbarungen im Rahmen der Energieagentur der Wirtschaft sowie der Energieagentur Act eingegangen und das Sustainable Finance Volumen übersteigt bereits 1.500 Milliarden CHF.

  • Die Dekarbonisierung der Schweizer Wirtschaft steht vor Herausforderungen. Der individuelle Business Case ist für mehr als 80% der Unternehmen noch unklar, die Klimabilanzierung und -zielsetzung ist eine weitverbreitete Herausforderung, viele KMU drohen von den Entwicklungen aussen vor gelassen zu werden, die nationalisierten Rahmenbedingungen bergen Herausforderungen und wichtige Fragen im Thema Sustainable Finance bleiben offen.

  • Die Dekarbonisierung könnte durch ein besseres Zusammenwirken der Stakeholder beschleunigt werden. Zum Beispiel könnten Verbände und NGO helfen, den Business Case der Dekarbonisierung sichtbarer zu machen und KMU gezielter unterstützen; die Realwirtschaft könnte Unternehmen, Netzwerke und externe Entscheidungsträger für klimabedingte Chancen und Risiken sensibilisieren sowie Beratungsangebote ausbauen; die Finanzwirtschaft könnte in Zusammenarbeit mit der Realwirtschaft das volle Potential grüner Finanzierung optimieren und nutzbar machen und die Politik könnte dem regulatorischen Flickenteppich entgegenwirken und die Rahmenbedingungen stärken.

Ausgangslage


Die Schweiz als kleines Land aber internationaler Wirtschafts- und Finanzplatz spielt eine bedeutende Rolle im Kampf, die Erderwärmung auf 1,5°C zu beschränken.

Die Welt ist nicht auf Kurs, Netto-Null bis 2050 zu erreichen. Die Schweiz ist hier keine Ausnahme. Das Pariser Abkommen fordert die Erderwärmung auf 1,5°C zu beschränken, indem die globalen Emissionen (knapp 50 Gt CO2e) bis 2050 auf Netto-Null gesenkt werden. Aktuell bewegen wir uns jedoch auf eine weltweite Erderwärmung von 2,7°C zu. Auch die Schweiz hat sich verpflichtet ihre zurzeit etwa 50 Mt CO2e bis 2050 auf Netto-Null zu bringen und auch die Schweiz ist noch nicht auf Kurs. Das erste Etappenziel bis 2020 hat die Schweiz verfehlt (mit Ausnahme der Industrie, welche die Ziele übererfüllt hat und dem Gebäudesektor, der relativ nahe am Ziel war). Ohne deutlich beschleunigte Dekarbonisierungsmassnahmen sehen sich Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft schwerwiegenden Risiken ausgesetzt.

Die Wirtschaft verursacht je nach Abgrenzung zwischen 30-60% der inländischen Emissionen. Von den knapp 50 Mt CO2e Inlandsemissionen entfallen rund 30% direkt auf den sekundären und tertiären Sektor, während die Wirtschaft im weiteren Sinne das Doppelte (60%) verursacht. Von diesen 60%  entfallen 24 bis 30 Prozentpunkte auf KMU und 30 bis 36 Prozentpunkte auf Grossunternehmen. Die restlichen 40% der Inlandsemissionen sind auf die Haushalte zurückzuführen.

Die Schweiz hat als globaler Wirtschafts- und Finanzplatz einen mehr als 25-fachen Dekarbonisierungshebel über die inländischen Emissionen hinaus. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer relativ emissionsarmen inländischen Wirtschaft (Top 10 der Länder mit der tiefsten BIP-Emissionsintensität), beeinflusst aber als internationaler Wirtschafts- und Finanzplatz bedeutende globale Emissionen. Die inländischen Emissionen der Schweiz machen mit knapp 50 Mt CO2e pro Jahr weniger als 0,1% der globalen Emissionen aus. Doch die Schweizer Wirtschaft beeinflusst Treibhausgasemissionen im Gigatonnenbereich durch ihre Importe (rund 70 Mt CO2e), durch die ausländische Geschäftstätigkeit von in der Schweiz ansässigen Unternehmen (300 bis 400 Mt CO2e im Scope 1 und 2) sowie durch Investitionen aus dem Schweizer Finanzplatz (schätzungsweise 700-900 Mt CO2e pro Jahr aufgrund von Investitionen in Aktien, Unternehmensanleihen sowie die Vergabe von Krediten und Hypotheken und weitere 150-1.100 Mt CO2e aufgrund von Investitionen in Staatsanleihen). Unter Einberechnung der indirekten Emissionen, die in den entsprechenden Wertschöpfungsketten entstehen (Scope-3-Emissionen), wären die beeinflussten Emissionen mehrere Gigatonnen und der Hebel noch grösser.

Der Dekarbonisierungshebel der Schweiz

Dekarbonisierung ist für die Wirtschaft sowohl eine grosse Chance als auch ein Muss


Befragte Unternehmen erachten Dekarbonisierung als wichtigen Treiber ihres Geschäftserfolgs. Im Schnitt bewerten Grossunternehmen die Wichtigkeit der Dekarbonisierung mit 3,9 (Skala von 0 bis 5; 0 = kaum Momentum/Aktivität bzw. irrelevant für den Geschäftsgang, 5 = grosses Momentum/Aktivität bzw. Haupttreiber des Geschäftsgangs).

Die Dekarbonisierung stellt eine einzigartige Chance für Wachstum, Innovation und generell den Wirtschaftsstandort Schweiz dar. Dies zeigen nicht nur hoch bewertete globale Unternehmen wie Tesla oder Ørsted, Oatly oder HYBRIT, sondern auch Schweizer Firmen wie Neustark, Climeworks oder Synhelion. Allerdings haben sich in der Schweiz erst wenige «Unicorns» im Bereich Nachhaltigkeit entwickelt – hier sind die USA und die nordischen Länder führend. Zu den Wachstumschancen kommt die Vermeidung von Risiken durch Reputations- oder Klimaschäden als zusätzlicher wirtschaftlicher Vorteil hinzu.

Die Erwartungen der Anspruchsgruppen sind hoch und steigen weiter. Unternehmen, die sich nicht entsprechend wandeln, werden daher materielle Nachteile erleiden, nicht nur auf Grund von Regulation. Studien zeigen, dass je nach Sektor 30-50% der Erträge bei ungenügender Dekarbonisierung gefährdet sind (z.B. durch sich akzentuierende Regulierungen, Marktanteilsverluste, entgangene neue Geschäftsfelder, höhere Input-Kosten oder Strafzahlungen).

Die Dekarbonisierung wird sich nicht erst 2050 auf die Unternehmen auswirken, sondern schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Investor:innen und Kund:innen wenden sich ab, neue, innovative Geschäftsmodelle und -felder entstehen. 

Über 70% des Schweizer Dekarbonisierungspotenzials ist bei den aktuellen CO2–Preisen wirtschaftlich. Der CO2-Preis in Europa liegt derzeit bei ca. 100 CHF pro Tonne.

Die Dekarbonisierungskostenkurve der Schweiz

Die Schweizer Wirtschaft zeigt steigende Aktivität im Bereich der Dekarbonisierung


Eine Vielzahl von Unternehmen hat über die Energieagentur der Wirtschaft bereits bedeutende Dekarbonisierungsmassnahmen ergriffen. Mehr als 4.000 Unternehmen mit über 50% der Industrie- und Dienstleistungsemissionen in der Schweiz (Scope-1 und Scope-2-Emissionen) erarbeiten über die Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW) Massnahmen zur Dekarbonisierung. Weitere rund 700 Unternehmen arbeiten mit der Energieagentur ACT.

Viele der grossen Unternehmen und Branchen haben sich bereits zu einer weitgehenden Dekarbonisierung verpflichtet. 85 Schweizer Unternehmen mit einem kumulativen Jahresumsatz von geschätzt über 500 Milliarden CHF und globalen Emissionen von mehr als 300 Mt CO2e pro Jahr haben sich bis heute der Science-Based Targets Initiative (SBTi) angeschlossen. Die globalen Emissionen dieser Unternehmen entsprechen mehr als dem Sechsfachen der Inlandsemissionen der Schweiz. Die SBTi liefert eine standardisierte und breit anerkannte Methode, um wissenschaftsbasierte und glaubwürdige Klimaschutzziele zu setzen. Das einzigartige Verbands- und NGO Ökosystem der Schweiz unterstützt die Dekarbonisierung bedeutend. Zahlreiche Branchen haben bereits Netto Null Roadmaps erarbeitet und schlagkräftige Netzwerke aufgebaut. Ausserdem entstehen immer mehr Initiativen zur Unterstützung von Unternehmen in der Dekarbonisierung. So hat sich z.B. die ABB dazu verpflichtet, mit ihren Produkten eine jährliche CO2-Reduktion von 100 Mt zu ermöglichen.

Die Schweiz hat ein Sustainable-Investment-Volumen von über 1.500 Milliarden CHF. Rund 20% der verwalteten Vermögen in der Schweiz sind nachhaltig angelegt, mit einem Wachstum von über 40% über die letzten 10 Jahre.

Unsere Studie zeigt, dass eine Reihe von Herausforderungen für eine weitergehende Dekarbonisierung bestehen


80% der Unternehmen sehen den Business Case einer ambitionierten Dekarbonisierung als Herausforderung.
Die Dekarbonisierungskostenkurve zeigt, dass viele Massnahmen mit wirtschaftlichen Vorteilen noch nicht ergriffen wurden. Häufig mangelt es an einem Bewusstsein für die Chancen und Risiken der Dekarbonisierung sowie die mittelfristig zu erwartenden Konsequenzen für das Geschäftsmodell (z.B. im Bereich Finanzierung, Lieferketten oder Regulation), vor allem bei KMU. Das Thema kam in über 80% der geführten Interviews auf. Eine offene und konstruktive Diskussion unter Anspruchsgruppen, in der auch Zweifel geäussert werden dürfen und gemeinsam aus Fehlern gelernt und an einer kontinuierlichen Verbesserung gearbeitet wird, ist ausserdem wichtig.

Mangelnde Kenntnis von Tools sowie die hohe Komplexität und zunehmend herausfordernde Einflussnahme in der Lieferkette erschweren die Bilanzierung und Emissionsreduktion. Dieser Aspekt ist vor allem im Bereich der indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette (Scope-3-Emissionen) relevant. Methoden und Standards sind nicht immer einheitlich und bekannt genug und über 60% der befragten Unternehmen bekunden z.B. bereits bei der Bilanzierung der Emissionen Schwierigkeiten.

Besonders KMUs drohen abgehängt zu werden. Für viele KMUs ist das Thema noch weiter weg als für Grossunternehmen; zudem haben kleinere Unternehmen oft schlicht keine Ressourcen, sich mit der Dekarbonisierung auseinanderzusetzen. Die Schweiz kann es sich nicht erlauben, KMU hier aussen vor zu lassen, da diese Unternehmen schätzungsweise 20 bis 30% der gesamten inländischen Emissionen bzw. 40 bis 50% der wirtschaftlichen inländischen Emissionen ausmachen. Darüber hinaus kommt ihnen eine wichtige Rolle als Innovationstreiber und in Lieferketten zu.

Nationalisierte Rahmenbedingungen stellen eine Herausforderung dar. Über 60% der befragten Unternehmen sehen den regulatorischen Flickenteppich generell als Herausforderung. Insbesondere beziehen sich die Klimaziele der Schweiz gemäss dem Pariser Abkommen vornehmlich auf die Inlandsreduktionen, die oft auch im Fokus von Politik und Gesellschaft stehen. Dies vernachlässigt jedoch das grosse Dekarbonisierungspotenzial der Schweiz als Sitz internationaler Unternehmen. Zahlreiche in der Schweiz domizilierte Unternehmen sind in der Dekarbonisierung ihrer Wertschöpfungsketten bereits aktiv geworden und gehen mit gutem Beispiel voran – bei global gedachten Anreizen und Rahmenbedingungen wäre aber noch deutlich mehr möglich. 

Sustainable Finance wächst rasant, aber gewichtige Fragen bleiben offen. Besonders nachhaltige Anlagen (also verwaltetes Vermögen) sind stark gewachsen: Nach rund 30 Jahren wurden 2015 die ersten 100 Milliarden CHF Investitionssumme überschritten, danach wuchs die Investitionssumme innert fünf Jahren auf über 1,5 Billionen CHF . Auch die Finanzierungseite ist gewachsen – allerdings sind die Volumina von sogenannten grünen oder nachhaltigen Krediten und Hypotheken noch im einstelligen Prozentbereich. Es bestehen zahlreiche Herausforderungen und wichtige Punkte bleiben ungelöst. So ist die Messung und Beurteilung von Klimarisiken und -wirkung komplex und nicht immer einheitlich (z.B. bei ESG-Ratings), der Zugang zu Kapital für die Dekarbonisierung ein kritischer Erfolgsfaktor.

Zusammenarbeit und Bewegung von allen Seiten wird nötig sein, um das Dekarbonisierungspotenzial der Schweizer Wirtschaft auszuschöpfen


Verbände und NGOs können KMU gezielt mobilisieren und pragmatisch unterstützen, z.B. durch Stärkung des Bewusstseins und bessere Services sowie Tools und Plattformen, inspiriert durch bestehende Initiativen von Verbänden und Netzwerken. Sie sind entscheidend, um die international anerkannte Science Based Targets initiative (SBTi) in der Schweiz zu verankern und als wissenschaftsbasierten Standard zur Zielsetzung zu etablieren (z.B. im Rahmen der Initiative von «Go for Impact»). Ausserdem können sie helfen, den Business Case der Dekarbonisierung sichtbarer zu machen. Durch sichtbare Schulterschlüsse und das Bekenntnis zum konstruktiven Dialog können die Glaubwürdigkeit und der gegenseitige Austausch verbessert werden.

Die Realwirtschaft kann nicht nur Unternehmen und Netzwerke für klimabedingte Chancen und Risiken sensibilisieren, sondern auch die internen und externen Entscheidungsträger:innen. Diese können sich im nächsten Schritt an Unternehmen orientieren, die neue Geschäftsmodelle erfolgreich erschliessen. Umfangreiche niederschwellige Beratungsangebote für Unternehmen im Bereich der Dekarbonisierung sind momentan noch nicht ausreichend vorhanden.

Die Finanzwirtschaft kann helfen, die grüne Transition zu ermöglichen, wenn sie sich selbst Klimaziele und -strategien im Einklang mit dem Pariser Abkommen setzt, beispielsweise durch die kürzlich veröffentlichten „ Swiss Climate Scores“. So wird sie zum Katalysator für den Zugang zu Kapital für Innovation und Dekarbonisierung, beispielsweise durch Finanzierungslösungen für Lieferketten. Damit lässt sich sicherstellen, dass Unternehmen, die sich auf einem glaubwürdigen Transitionspfad befinden, genügend Kapital zur Verfügung haben und so zur Dekarbonisierung beitragen. Darüber hinaus sind gemeinsame Initiativen mit der Realwirtschaft wichtig, um in offenen Punkten konstruktive Lösungen für Standards, Taxonomien und Ansätze zu finden, wie beispielsweise die gemeinsame Entwicklung eines einheitlichen Energieausweises für Gebäude.

Die Politik kann dem regulatorischen Flickenteppich entgegenwirken, indem sie Konsistenz und Kohärenz fördert sowie Anreizsysteme für die internationale Dekarbonisierung schafft. Beispiele sind Anreize im Rahmen der CO2-Abgabe oder die Einführung einer «Klimarisikoversicherung» analog zur Exportrisikoversicherung. Zudem sollte die Politik die Rahmenbedingungen schaffen, um in der zunehmend elektrifizierten postfossilen Wirtschaft und Gesellschaft genügend ökologischen, hochwertigen Strom bereitzustellen und gleichzeitig die Standortqualität der Schweiz zu erhalten.
 

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